Interview mit Prof. Wolfgang Slany - Vollversion
Über Prof. Wolfgang Slany
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Prof. Slany trat am 1. Juli 2003 die Nachfolge von Prof. Peter Lucas am Institut für Softwaretechnologie (http://www.ist.tugraz.at/) an.
Er verknüpft in seiner Forschung Theorie und Anwendungen, um Lösungen für praktische Probleme zu finden.
Aktuell beschäftigt er sich mit intelligenten Web- und.mobilen Internet-Projekten.
Wolfgang Slany studierte an der TU Wien Informatik und Maschinenbau, Diplomarbeit 1989 über Optimierung von Datenbankabfragen,
das darauf.aufbauende kommerzielle Softwarepaket "N/Joy: The World of Objects" gewann den "Best Non-US Software" Preis der Comdex 1989.
Danach 2 Jahre Forschung bei Prof. Masao Iri an der Tokio Universität. 1994 Promotion bei Prof. Georg Gottlob an der TU Wien über Optimierungstechniken in der Stahlerzeugung und Arbeitzeitplanung.
1996 Heinz Zemanek Preis der österreichischen Computer Gesellschaft.
2001 Habilitation am Institut für Informationssysteme der TU Wien. Projekte in den Bereichen Schichtplanung, intelligente Web- und mobile Internet-Anwendungen.
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Aus aktuellem Anlass: Wolfgang Slany hält am Mittwoch den 12. Mai 2004 im
Hörsaal i12 (Inffeldgasse 16b) ab 17h30-18h15 seine Antrittsvorlesung zum
Thema "Theorie und Praxis in der Informatik" im Rahmen des Kolloquiums der
Fakultät für Informatik. Mit seinen Worten: "Ich bringe in meinem Vortrag
ausgewählte Schmankerln, die auch für Nicht-Informatiker und Praktiker
interessant und nachvollziehbar sind". Er lädt alle interessierten
Studierenden herzlichst zu seinem Vortrag ein.
- TUInfo
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Welche Lehrveranstaltungen werden von Ihnen derzeit gehalten und was würden Sie in Zukunft gerne noch zusätzlich in Ihr Lehrangebot aufnehmen?
- Prof. Slany:
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Derzeit halte ich für die Studienrichtungen Telematik sowie
Softwareentwicklung und Wissensmanagement die LVen "Softwaretechnologie"
und "Softwareentwicklung und Wissensmanagement", wobei ich mich
insbesondere mit den praktischen Aspekten der Qualitätssicherung und der
verbesserten Abwicklung von Softwareprojekten beschäftige, Stichwörter
Agile Softwareentwicklung, bei der zweitgenannten LV auch mit dem
effizienten Umgang mit Wissen.
Zusätzlich plane ich eine LV über semistrukturierte Datenbanken und
Informationssysteme für das Internet, weiters eine LV über Grundlagen zur
kreativen Erfindung von effizienten Lösungen, siehe z.B. mein lernendes
Online-Spiel auf http://www.dbai.tuwien.ac.at/proj/ramsey/, dem eine
faszinierende mathematische Theorie zugrunde liegt.
Grundsätzlich möchte ich mehr Studierende für unsere Arbeit interessieren
und vermehrt Seminar-, Projekt-, Diplomarbeiten sowie Dissertationen
betreuen. Leider stehen mir dafür wenige Ressourcen zur Unterstützung der
Studierenden zur Verfügung. Bei meinen LVen führt das z.B. dazu, dass ich
die Softwaretechnologie KU im letzten Semester an mehreren Samstagen im
Studienzentrum durchführen musste, da sonst innerhalb der Universität zu
wenig Räumlichkeiten wie Labors und Rechnerräume für unsere Studierenden
existieren. Ich bin auch nicht damit einverstanden, dass wir mit 30
Studierenden pro Tutor arbeiten, wenn ein Tutor für 10 Studierende
wesentlich besser wäre.
Die mangelnde finanzielle Ausstattung unseres Instituts zeigt sich auch
daran, dass ein System, welches ich zur Durchführung der Übungsteile
meiner großen Lehrveranstaltungen jedes Semester benötige, bei uns
aufgrund unserer sehr eingeschränkten Mittel nicht realisierbar ist und
ich es daher auf ein externes Internetservice . sourceforge.net -
auslagern musste.
- TUInfo
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Streben Sie selbst noch ein stärkeres Engagement in den Grundlagen- VOs ihres Instituts an?
- Prof. Slany:
- Es gab bereits Gespräche mit meinem Kollegen Wotawa
(Institutsvorstand, Anm.d.Red.), dass ich die Vorlesung "Einführung in die
Informatik" (Pflichtfach im 1. Semester der beiden Studienrichtungen mit
mehr als 500 Studierenden, Anm.d.Red.) ab dem kommenden Wintersemester
halten werde.
Generell möchte ich gerne mehr Kontakt gerade zu den Erstsemestrigen. Wenn
es sich machen lässt, würde ich auch gerne Einführungsveranstaltungen mit
kleinen Gruppen durchführen - in Wien gibt es in der Informatik Seminare,
in denen jeder Habilitierte eine Gruppe von ca. 15 Erstsemestrigen
tatsächlich selbst betreut und den Inhalt frei gestaltet, und ich habe
damit sehr positive Erfahrungen gemacht.
Ich wünsche mir weiters eine noch viel stärkere Förderung der
Studienanfänger, damit das Interesse und der Spaß am Studieren erhalten
bleibt, ohne dass das eigentlich für den Rest des Lebens Wichtige, z.B.
die Lust am Lernen, am Verstehen und am Erfinden von Lösungen aus den
Augen verloren wird.
Ich möchte hier einen guten Tipp aus meiner mehr als zehnjährigen
Zusammenarbeit mit Studierenden geben: Arbeitet wenn irgendwie möglich
nicht neben dem Studium, abgesehen von Ferialjobs und Arbeiten im Rahmen
des Studiums. Ich erkläre das gleich, aber zuerst schicke ich folgendes
voraus: Um ein Studieren ohne zu arbeiten zu ermöglichen, müssen natürlich
Mittel und Wege gefunden werden, damit Studierende die Zeit an der
Universität ohne den Zwang absolvieren können, sich selbst erhalten zu
müssen. Dies kann z.B. durch Studentenkredite bzw. Stipendien von Firmen
oder von der Regierung, wie in anderen Ländern üblich, realisiert werden,
bei denen man sich für eine gewisse Zeit zur Arbeit nach dem Studium,
selbstverständlich zu einem fairen Lohn, bei dem Arbeitgeber verpflichtet,
der das Stipendium bezahlt hat. Die übliche Methode, die Finanzierung
durch die Eltern, fällt letzteren ebenfalls leichter, wenn das Studium von
kurzer Dauer ist. Nun zur Begründung: Ich bin davon überzeugt, dass es ein
die positiven Aspekte dominierendes Argument gegen das Arbeiten während
des Studiums gibt: Es tut den Studierenden langfristig nicht gut, wie
folgt: Arbeitende Studierende werden von den arbeitgebenden Firmen
indirekt ausgenützt und verringern durch die Verlängerung ihres Studiums
ihre Chancen auf Förderungen . Stipendien, insbesondere Auslands- und
Dissertationsstipendien, weiters nationale und internationale Preise sind
oft an das Alter gebunden -- und auf dem internationalen Arbeitsmarkt, auf
dem oft das Alter eine große Rolle spielt und ein über die reguläre
Studiendauer hinausgehendes Studium Erklärungsbedarf erzeugt, der andere
Bewerber aus Unkenntnis unserer Situation attraktiver erscheinen lässt.
Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, aber für eine Erklärung der
österreichischen Situation besteht dann oft schon keine Gelegenheit mehr.
Weiters ist der Prozentsatz der Studierenden, die ihr Studium wegen ihrer
Arbeitsbelastung neben ihrem Studium nicht beenden können, erschreckend
hoch. Ich weiß aus Gesprächen mit einigen befreundeten
Langzeitstudierenden und Studienabbrechern, die exzellente Praktiker sind
und sich in ihrem Beruf nicht nur in technischen Belangen hervorragend
auskennen, dass sie es heute bereuen, ihr Studium nicht abgeschlossen zu
haben, weil sie im Vergleich zu ihren Kollegen mit Studienabschluss . oft
völlig ungerechtfertigterweise . mit effektiv geringeren
Karriereaussichten konfrontiert sind. Gleichzeitig sind sie oft der
Meinung, das Studium aufgrund ihrer Arbeitsbelastung und dem Komfort im
Vergleich zum Studierendendasein, das durch ein normales Einkommen
ermöglicht wird, nicht fertig stellen zu können. Wenn sie sich dann doch
zum Abschluss . ohne zu arbeiten wohlgemerkt . entschließen, dann sind sie
üblicherweise hervorragende Studierende, die ihr Studium ab diesem
Zeitpunkt in kürzester Zeit abschließen. Arbeitende Studierende führen
allerdings auch zu einer gewissen Verzerrung des österreichischen
Arbeitsmarktes, mit negativen Auswirkungen auch auf unsere Absolventen. Es
sei angemerkt, dass es speziell in der Informatik aufgrund des großen
Angebots an einschlägigen Verdienstmöglichkeiten für Studierende schwer
ist, sich dazu zu Überwinden, diesen Versuchungen nicht nachzugeben,
abgesehen von der eingangs erwähnten fehlenden Kultur von
Studierendenkrediten und Stipendien, die ein vernünftiges Studieren
erlauben.
- TUInfo
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An der TU-Graz greift derzeit eine neue Lehrveranstaltungsform - die VU - stark um sich. Wir von der Studierendenvertretung stehen dem Ganzen kritisch gegenüber da diese, unserer Meinung nach, eine Verschulung der Universität bringt und einige gewichtige Argumente dagegen sprechen. Welchen Standpunkt vertreten Sie?
- Prof. Slany:
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Ich sehe diese Neuerung hauptsächlich als Einsparungsmaßnahme in
Reaktion auf die fortschreitende finanzielle Mangelbewirtschaftung
unserer Universitäten. Generell sehe ich aber einen gewissen Umdenkbedarf
im Lehrsystem. Das herkömmliche Prüfungs- und Benotungssystem halte ich
für didaktisch nicht effizient, da die Verbesserung und die Note als
Feedback zeitlich viel zu spät und zu pauschal kommen, und daher zum
Lerneffekt nicht gut beitragen.
Bei einer großen Prüfung im letzten Wintersemester habe ich folgendes
Experiment gemacht: passend zum Inhalt der Prüfung über Extreme
Programming, bei dem u.a. das Programmieren in Paaren vorgeschlagen wird,
sollten die Studierenden die Aufgaben immer zu zweit lösen. Sofort nach
der Prüfung stellte ich per Beamer meine eigene Musterlösung vor, die ich
dabei aufgrund der Vorschläge und Diskussion mit den Studierenden auch
gleich verbesserte. Gleichzeitig bewertete ein Paar jeweils eine Seite
des zehn Seiten umfassenden Prüfungsbogens eines anderen Paares, was eine
weitere reflektierende Lernmöglichkeit für die korrigierenden
Studierenden darstellte. Für die nächste Seite ging der Bogen dann zum
nächsten Paar weiter, usw. bis zur letzten Seite des Prüfungsbogens.
Danach bekam das ursprüngliche Paar den eigenen Prüfungsbogen zurück, der
also von 10 anderen Paaren korrigiert worden war. Die Paare hatten somit
gleich nach der Prüfung die Möglichkeit zur Einsichtnahme und zum
unmittelbaren Feedback und damit Einschätzen ihrer eigenen Leistung. Die
Reaktionen auf diese Art der Durchführung der Prüfung waren durchwegs
positiv, da sie absolut transparent war, innerhalb kürzester Zeit zu
einer fairen, nachvollziehbaren Note führte, mit sofortiger
Rückfragemöglichkeit erfolgte und eine gute Gelegenheit war, den Stoff
mit anderen durchzubesprechen. Ich merke dabei an, dass die Studierenden
untereinander durchwegs sehr harte Maßstäbe ansetzten.
- TUInfo
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Schon bei mehreren Antworten hatte man das Gefühl, dass Sie durchaus große Bestrebungen zur Änderung der derzeitigen Strukturen haben. Wie schätzen Sie die Situation realistischerweise ein, dass diese Bestrebungen auch Früchte tragen und schlussendlich durchgeführt werden?
- Prof. Slany:
- Natürlich sind Veränderungen, gerade bei so lange gewachsenen
Strukturen, nur sehr langsam möglich und müssen auch entsprechend
vorsichtig durchgeführt werden. Jedoch möchte ich mich dafür einsetzen,
dass alte Strukturen kritisch evaluiert und gegebenenfalls über Bord
geworfen werden, nach dem Motto "les pauvres n.ont peur de rien" 8-)
- TUInfo
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Was halten Sie von der geplanten Einführung eines "common year"
(siehe auch Artikel zur neuen Informatik-Fakultät) an der TU?
- Prof. Slany
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Bevor man so etwas einführt sollte man sich auch Erfahrungen
von anderen Universitäten ansehen, aber an sich finde ich die Idee toll,
da Änderungen eine Chance für Verbesserungen sind. Trotzdem muss man
vorsichtig sein, denn eine solch einschneidende Veränderung wieder
loszuwerden wäre sicher nicht leicht. Generell kenne ich die konkreten
Vorschläge aber noch zu wenig und kann deshalb darauf nicht näher
eingehen.
- TUInfo
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Bitte sagen Sie noch etwas zum Privatmenschen "Wolfgang Slany".
- Prof. Slany:
- Vor allem durch unseren Sohn ist mir klar geworden, dass die
langfristigen, wichtigen Dinge des Lebens Vorrang vor vermeintlich
dringenden haben, und zwar jeden Tag im Leben. Im September bin ich mit
meiner Familie hierher nach Graz übersiedelt, und wir sind sehr glücklich,
hier zu leben.
- TUInfo
- Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute an unserer Universität.